Wanderung in die Pilze

Erscheinungsdatum | 05.10.2026

Es ist Herbst. Eichhörnchen sammeln Vorräte, wir wandern durch raschelndes Laub und gehen auf die Jagd nach Pilzen. Weil wir wenig Ahnung haben, schließen wir uns einer Pilz-Expertin an. Mit ihr sind wir aber nicht auf einer Speisepilz-Suche, sondern auf einer Wissens- und Erlebnistour.

Am Ortsrand von Fuldatal befindet sich eines der ältesten Umweltbildungszentren Hessens. Von der Bushaltestelle geht es zehn Minuten bergauf, an einer Silberschmiede vorbei, kurz aus dem Ort hinaus, dann stehen wir, umgeben von Feldern, am Wassererlebnishaus Fuldatal. Wir sind verabredet mit der Leiterin des Bildungszentrums, der Biologin und zertifizierten Pilz-Expertin Verena Maria Becker. #pilzbingo, #mehrpilzesehen, #allaboutfungi und #achtsamkeitimwald sind Hashtags, die sie verwendet. Verena kommt schwer bepackt an. Während sie ihr Material sortiert, trudeln Kinder mit ihren Eltern ein. Es sind Herbstferien und trotz des trüben Tages wächst die Gruppe auf elf Personen an. Wir bleiben drei Stunden auf dem Gelände. Es gibt mehrere Terrassen, Teiche, Bachläufe, Brücken, Wasserspiele, eine große Wiese mit Insektenhotel und ein Stück Wald. Start ist auf einer Freiluft-Terrasse. Während wir mit einem Stück Isomatte ausgerüstet auf feuchten Holzbänken Platz nehmen, setzt sich unser Pilz-Coach im Schneidersitz auf eine Matte direkt auf den Boden. An ihren Ohren baumelt etwas, das verdächtig nach Pilzen aussieht.

Verena holt Pilzmodelle aus einer Kiste und zeigt Details

Einen Stiel haben fast alle Pilze, einen Hut auch. Manchmal sind Lamellen sehr gut zu sehen, die Pilze haben verschiedene Farben und Formen. Klar kann man Pilze in die Pfanne werfen, aber es gibt noch viel mehr, was man mit ihnen tun kann! Farbe gewinnen, Medikamente herstellen, basteln … Wir sollen schätzen, wie viele Pilzarten es in unseren Wäldern gibt. 100? 250? 300? Verena schüttelt immer wieder den Kopf. „Zwischen 5.000 und 10.000 verschiedene Pilze“, löst sie schließlich auf. Welche davon wir heute entdecken werden?

Erst startet noch ein Quiz, wofür wir Bilder in drei Gruppen sortieren sollen: Tiere, Pflanzen und Pilze. Der Schmetterling ist flott zugeordnet, ein paar andere Bilder auch. Doch dann wird es knifflig. Wohin gehört die Flechte? Und warum sind Pilze falsch bei den Pflanzen? Anders als Pflanzen, so erfahren wir, können Pilze keine Photosynthese betreiben, also nicht mithilfe von Sonnenlicht Zucker herstellen. Sie müssen Partnerschaften eingehen, um zu gedeihen. Manche ernähren sich etwa von Holz, andere von Laub.

Nun geht es in den Wald

Um sicher zu wissen, um welchen Pilz es sich handelt, müssen wir sehr genau hinsehen. Die Farbe oder Form sagt allein zu wenig aus, wichtig sind die Umgebung, in der er wächst, der Hut und die genaue Form des Stils. Wir sollen auch unbedingt am Pilz riechen. Verena erklärt, dass das reine Anfassen von Pilzen nicht gefährlich ist. Die Kinder versprechen, zu fühlen und zu riechen, aber nichts zu essen, auch nicht zu probieren. Wir nehmen einen Korb mit, im Gänsemarsch geht es bergab. Wir überqueren Holzbrücken und Trittsteine, um einen Bach zu kreuzen. Die Kinder haben Gummistiefel an, die Erwachsenen meist Wanderschuhe. Perfekt, denn das Laub ist nass und die Bretter ziemlich glitschig. Überall riecht es nach Herbst.

Obwohl die Pilze gut getarnt sind, machen wir mit Verenas Hilfe bald erste Funde. Hier ein großer Rehbrauner Dachpilz (von Schnecken, Käfern oder Spechten angefressen), dort ein Lackporling, ein Baumpilz, auch Malerpilz genannt. Ein paar Schritte weiter stehen ein Orangemilchender Helmling (lang, elastisch, Helm, gibt orangenen Saft ab), ein Schwefelritterling (riecht stark nach Schwefel), eine Gruppe Elfenbeinschnecklinge, ein Schimmelpilz, der auf einem Baumpilz wächst, und ein Violetter Knorpelschichtpilz. Die Namen sprudeln nur so aus Verena heraus. Wir lernen: Das, was überirdisch wächst, heißt „Fruchtkörper“. Wir nehmen nur diesen mit. Der eigentliche Pilz wächst als Geflecht (Myzel) unterirdisch. “Das Ernten eines Fruchtkörpers tut dem Pilz nicht weh, es ist wie wenn man einen Apfel von einem Apfelbaum pflückt.”Verena zeigt, wie Pilze richtig geerntet werden: tief unten anfassen und ganz rausnehmen. Sie erinnert noch mal, dass man gucken muss, wie der Pilz insgesamt aussieht, der Knollenblätterpilz beispielsweise hat unten eine Knolle. Wenn man ihn einfach abschneidet, übersieht man dieses wichtige Detail und kann sich vergiften. Tiefer im Wald schwärmen wir aus und legen unsere Funde auf ein – mit Pilzen gefärbtes – Seidentuch. Die Vielfalt im Umkreis von nur etwa 50 Metern löst großes Staunen aus. Manche Pilze sind klitzeklein, andere mächtig. Manche wachsen auf lebenden Bäumen, andere auf Totholz, am Wegesrand oder zwischen Laub. Wir finden Exemplare vom Grünspanträuschling, Lila Lacktrichterling, Buchenspeitäubling (scharf!), Buchenschleimrübling, von der Herbstlorchel (ernährt sich von Laub), vom Becherling, Rettichhelmling, Saitenstieligen Knoblauchschwindling (kräftiger Knoblauchduft) und – mein persönlicher Favorit – vom Grünen Anis-Trichterling, der intensiv nach Anis riecht. Auf einem kleinen Zettel, den wir zuvor für ein Pilz-Bingo erhalten haben, können wir immer mehr Pilz-Skizzen einkreisen.

Nach etwa einer Stunde ist der Korb randvoll und bunt

Wir sind begeistert von unserer Beute. Verena erklärt, dass im Zuge des Klimawandels Veränderungen in der Pilz-Population zu erwarten sind. Manche Pilze werden nicht mehr wachsen, wenn es trockener und heißer bei uns wird. Auf dem Rückweg knipst unser Pilz-Coach eine besondere Taschenlampe mit UV-Licht an und die Lamellen des Schwefelkopfs leuchten plötzlich grün.

Am Wassererlebnishaus angekommen, versammeln wir uns unter einem überdachten, nach drei Seiten offenen Bereich mit großen Tischen. Darauf finden wir Bastelunterlagen, Gips, Formen, Pinsel, Farben, Stifte, Scheren, außerdem zwei Mikroskope, unter denen man die Pilze ganz genau betrachten kann, und eine Leiste mit bunten Wollfäden, deren Schildchen zeigen, welcher Pilz für welchen Farbton verwendet wurde. Wir machen Gipsabdrücke, basteln Ketten aus Baumpilzen, stempeln und formen Pilze aus Ton. Die Kinder sind schneller und flitzen an die Wasserspielgeräte, eines kommt mit einem Teich in den Gummistiefeln zurück. Für solche Fälle gibt es Wechselkleidung im Wassererlebnishaus. Obwohl es kühl ist und die Tour längst vorbei, hat es keiner eilig, nach Hause zu kommen. Verenas Begeisterung für Pilze ist auf die Gruppe übergesprungen. Was sie im Sommer wohl über Insekten, den Wasserkreislauf und Solartechnik zu erzählen hat? Dafür kommen wir bestimmt noch mal wieder!

 

Alles wichtige für deinen Ausflug

Diese Eigenschaften bietet dir diese Route:

Alleine Gruppen Familien Kinder ab 6 Jahren Moderates Bewegungslevel Kleines Budget

Anreise

Zum Beispiel von Kassel-Königsplatz wochentags mit 3 oder 6 bis Endstation Ihringshäuser Straße, weiter mit 40 Richtung Simmershausen bis zur Haltestelle Fuldatal-Simmershausen Schocketal. Dann zu Fuß auf dem Junghecksweg (ca. 700 Meter, ungefähr 10 Minuten). Anreise insgesamt ca. 35–40 Minuten inkl. Fußweg.

Oder von Vellmar Stadtmitte mit 41 Richtung Ihringshäuser Straße, bis Haltestelle Fuldatal-Ihringshausen Bahnhof/Weddel. Umsteigen in 40 Richtung Simmershausen bis zur Haltestelle Fuldatal-Simmershausen Kasseler Straße. Dann zu Fuß weiter, am Spielplatz vorbei, an dem Bach Espe entlang und rechts in den Junghecksweg abbiegen. Anreise insgesamt ca. 40 Minuten, davon ca. 10–15 Minuten Fußweg.

Öffnungszeiten

Die meisten Familien- und Schul-Angebote finden zwischen Ostern und Oktober und auch in den Schulferien statt. Es gibt aber ganzjährig Bildungsangebote und naturkundliche Rundgänge für Pädagog*innen.

Aktuelle Infos:
wassererlebnishaus-fuldatal.de

Eintrittspreise

Pilz-Erlebnistour: 10 Euro pro Person (inkl. Bastelmaterial). Viele Angebote sind kostenfrei oder auf Spendenbasis.

Tipps

  • Das Wassererlebnishaus hat eine Pflanzenkläranlage, eine Regenwasserzisterne und Solarpanels. Die Wasserspiele und Toiletten nutzen Regenwasser. All das kann man sich erklären lassen.
  • Jährlich findet das Frühlingsfest auf dem Gelände statt (2025 kamen über 600 Personen).
  • Im Sommer, immer Dienstag: Familiennachmittag (14.30–17.30 Uhr, kostenfrei, keine Anmeldung nötig)
  • Kindergeburtstage im Wassererlebnishaus möglich (ab 6 Jahre, rechtzeitig buchen)
  • Nature Journaling für Jugendliche (ab 14 Jahre, 1x/Monat)

Kulinarisches in der Umgebung

Weidberghof Jütte (Milchtankstelle, selbstgemachtes Eis und Käse aus dem 24/7-Regio-Automaten, Hofladen und Café).

Wassererlebnishaus Fuldatal

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Adresse

Junghecksweg 9
34233 Fuldatal