Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte lang, dann kommen gute Zeiten für alle, die sich für die Schönheit der Sterne und die Weite des Weltalls interessieren. Wir haben bei dieser Tour zwar nicht ganz die Sterne vom Himmel holen können, waren aber so nah dran wie nie.
In Nordhessen gibt es gleich zwei Wege zu den Sternen: die Volkssternwarte Rothwesten und das Planetarium Kassel. Wir haben beide Türen geöffnet und nehmen euch mit ins faszinierende Universum und zu Galaxien in Millionen Lichtjahren Entfernung. Gleich eins vorweg: Die Kombination macht’s!
Ist der Himmel wolkenfrei, ab in die Sternwarte. Umso besser, wenn es kalt ist. Euch wird warm. Erst geht es zu Fuß auf den Häuschensberg. Man sieht die Sternwarte bereits von Weitem: ein Aussichtsturm, auf dessen Kopf eine kupfergrüne Kuppel wie eine runde Krone sitzt. Nachts wird sie beleuchtet und ist zum Wahrzeichen des Orts geworden. Mehrere Anläufe brauchten wir, bis das Wetter mitgespielt hat. „Punktlandung!“, begrüßt uns Ralf Gerstheimer. „Heute haben wir perfekte Bedingungen.“ Wir schrauben uns die Treppenstufen hinauf, an bunten Kinderzeichnungen vorbei, die die Sternwarte als den „schönsten Ort der Welt“ feiern, helfen dem Fotografen seine Ausrüstung schleppen. Oben angekommen, blicken wir in ein gewölbtes Holzgerippe: Die Kuppel hat fünf Meter Durchmesser, darunter stehen drei große Teleskope. Mehr als zehn Personen passen hier nicht rein.
Jetzt heißt es kurbeln. Es quietscht ein wenig und geht erst langsam, bis die Fahrradketten deutlich geschmeidiger arbeiten und sich die Haut der Kuppel Zentimeter für Zentimeter öffnet, unsere Köpfe in den Nachthimmel ragen und der Wind in das Holzgerüst pfeift. Den Jupiter wollen wir sehen, der steht aber woanders. Ein Blick geht in den Himmel und einer auf den Boden des Raums, auf dem die Himmelsrichtungen aufgezeichnet sind. Wir müssen mehrere Schraubzwingen lösen, die die Kuppel gegen Sturm sichern, und zu viert schieben wir kräftig gegen den Uhrzeigersinn, bis sich das ganze Konstrukt in Bewegung setzt. Schließlich zeigt die Öffnung in die gewünschte Richtung
Eine alte Lady ist diese Sternwarte
Über 60 Jahre haben hier Leute wie du und ich gekurbelt und sind ins Schwitzen gekommen. Die Volkssternwarte wurde 1963 eröffnet. Fast nichts hat sich seitdem geändert. Heute sind wir zu fünft, darunter die Tochter des Erbauers Georg Spitzer, die die Sternwarte seit dem Tod des Vaters mithilfe von Ehrenamtlichen weiter als private Bildungsstätte betreibt. Kostenlos und für alle offen.
Jetzt ist es so weit, das Teleskop ist eingerichtet. Abwechselnd klettern wir auf eine Holzleiter, um in das Okular spähen zu können, das 200-fach vergrößert. Es ist atemberaubend. Noch nie hatten wir einen Planeten so deutlich vor Augen. Alle vier Monde und die farbigen Wolkenbänder des Jupiters sind klar zu erkennen. Mit Gerstheimers Hilfe sehen wir sogar den seit 1664 bekannten Großen Roten Fleck, einen seit Jahrhunderten tobenden Wirbelsturm auf dem Jupiter. Später betrachten wir auch noch den Mond mit seinen Kratern und Gebirgen und kommen nicht raus aus dem Staunen. Was liebt er besonders, unser Experte Ralf Gerstheimer, außer den Astro-Fotografien, die ihm hin und wieder gelingen? „Die Ruhe in der Nacht, die faszinierenden Ausblicke und das Gefühl der Weite.“ Wir nicken und fühlen uns unter dem dunklen Nachthimmel ganz ruhig und glücklich. Und klein.
Auf ins größte Planetarium Hessens
Wenn das Wetter so gar nicht mitspielt, könnt ihr dennoch die Magie des Universums erleben. Im Planetarium. Mitten in Kassel, am Anfang der Karlsaue, leuchtet ein gelber Schloss-Bau: die Orangerie. Zentral über dem Eingang befindet sich eine große Sonne. Wir tauchen unter ihr hindurch und checken für unseren Flug in den Weltraum ein. Keine Kurbel. Wir öffnen eine Tür und sehen ... nichts. Es ist pechschwarz und still im Raum.
War das eine geheime Tür ins All? Sind wir in ein schwarzes Loch geraten? „Moment, ich mach mal Licht!“ Karsten Gaulke kommt aus dem Dunkeln hervor, geht an einem Cockpit mit unzähligen Schaltern, Licht- und Tonreglern vorbei und steht schließlich strahlend neben einem großen, hantelförmigen Projektor unter dem gewölbten Dach des Planetariums Wir sehen uns um. Ganz anders hier, ein bisschen wie Kino – nur ohne Popcorn. Es ist sehr warm, wir nehmen in drehbaren Liegesesseln Platz, um die bewegte Show am künstlichen Himmel zu erleben. Gaulke, Astronomie-Historiker und auch zuständig für das Astronomisch-Physikalische Kabinett in Kassel, sagt, dass das Planetarium für alle Weltraumfreunde zwischen fünf und 105 Jahren geeignet ist. Es gibt Kinder- und Erwachsenen-Angebote, wissenschaftliche, live moderierte Formate und schwindelerregende Flüge durch den Weltraum. Was super ist: Die für unsere Städte so typische Lichtverschmutzung spielt hier keine Rolle. Auch das Wetter ist hier immer perfekt – außer Herr Gaulke startet ein künstliches Gewitter. Die Multimedia-Shows sind ruhig oder durch Musik und Sound bombastisch. Die Projektoren zaubern jedes beliebige Sternbild, jeden Planeten an die Himmelsrundung. Wir fliegen durch Galaxien und sehen bunten Sternennebel, fühlen uns wie Captain Kirk auf der Enterprise und sind froh, dass uns keine Weltraumkreuzer mit feindlichen Spezies begegnen. Selbst wenn alle 53 Sessel des Saals komplett besetzt wären, hätten wir nicht den Hauch einer Chance gegen ein Raumschiff voller Klingonen.
Wir wechseln in die Realität, genauer gesagt in die Geschichte
Kassel ist für technik- und astronomiebegeisterte Besucherinnen und Besucher ein wichtiger Ort, sogar international. Wilhelm IV von Hessen-Kassel war ein großer Wissenschaftsförderer und Sammler und gründete 1560 Europas erste fest installierte Sternwarte. Die Stadt beherbergt seitdem in ihren Archiven historische Schätze, die es sonst nirgends gibt. Leider ist davon bis auf Weiteres nur ein Bruchteil im Gebäude des Planetariums zu sehen, zum Beispiel ein Foucaultsches Pendel. Es fehlt an geeigneten und sanierten Ausstellungsräumen. Doch im Hintergrund wird an einer Lösung gearbeitet, auch einen internationalen Freundeskreis gibt es.
Ich stelle mir vor, wie all diese Astronomiefans in ihren privaten Sternwarten weltweit bei niedergehenden Sternschnuppen den gleichen Wunsch äußern: dass Platz und Geld zur Präsentation der wichtigen Ausstellungsstücke vom Himmel fallen möge. Vielleicht schließt ihr euch an, wenn ihr demnächst unter dem Nachthimmel steht? Dann könnt ihr die Eröffnung dieser Räume vielleicht noch erleben. Bis dahin kommt aber unbedingt zur Sternwarte Rothwesten und ins Planetarium. Es lohnt sich.
Alles wichtige für deinen Ausflug
Diese Eigenschaften bietet dir diese Route:
Praktische Infos zur Volkssternwarte
Anreise
Zum Beispiel von Kassel-Innenstadt mit 6 bis Endstation Ihringshäuser Straße, weiter mit 40 Richtung Holzhausen bis Haltestelle Fuldatal-Rothwesten Neue Straße. Dann zu Fuß noch ca. 8 Minuten, rund 500 Meter.
Öffnungszeiten
Die Sternwarte öffnet samstags bei wolkenlosem Himmel. Genaue Uhrzeit abhängig vom Beginn der Dunkelheit. Im Juni und Juli wegen der spät eintretenden Dunkelheit keine Führungen. Anmeldung nötig, wegen Platzbegrenzung und Wetterabhängigkeit.
Eintrittspreise
frei, Spenden erlaubt
Mehr Infos:
volkssternwarte-rothwesten.de
Praktische Infos zum Planetarium
Anreise
Zum Beispiel von Fritzlar mit RB39 nach Kassel Hbf. Weiter mit 16 Richtung Gärtnerplatzbrücke bis Haltestelle Kassel/Orangerie.
Öffnungszeiten
Donnerstag–Sonntag, jeweils 10–17 Uhr
Eintrittspreise
Erwachsene: 8,00 Euro, ermäßigt: 5,00 Euro, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, Schülerinnen und Schüler, Studierende der Universität Kassel, Nutzerinnen und Nutzer der FamilienApp Hessen