Auf diesen Moment haben alle gewartet. Wann hat man schon Gelegenheit, selbst frisch gebrautes Bier direkt vom Fass zu zwickeln? Und dies im historischen Gewölbekeller, wo schon die damaligen Mönche feierten! Michael Hoberock, der uns durch die Brauerei führt, öffnet den Hahn von Fass Nummer 100. Schnell bildet sich eine erwartungsfrohe Schlange. Alle halten ihre Verkostungskrüge bereit – und natürlich sagt jemand: „O’zapft is!“
55.000 Hektoliter Bier werden pro Jahr hier gebraut. Das ist so viel, wie 37.000 Badewannen fassen, wenn sie bis oben gefüllt sind.
im Hefekeller den Unterschied zwischen
unter- und obergäriger Hefe. Hier wird
auch die brauereieigene Hefe gezüchtet.
Nach den ersten Schlucken sind wir uns einig: Auch in der Eschweger Klosterbrauerei verstehen sie was von ihrem alten Handwerk. Im über 500 Jahre alten Gemäuer ist es zwar etwas schummrig, doch den kräftig-naturtrüben Honigton in meinem kleinen Krug erkenne ich gut. Es duftet frisch, ich schmecke eine schöne, leicht karamellige Süße. Angenehmerweise hat es nicht zu viel Kohlensäure. Ich mag es. Aber ich bin ohnehin Fan ungefilterter Biere. Das Bier in meinem Krug hat seinen Namen vom Probierhahn, dem Zwickl, erfahren wir von unserem gut gelaunten Tourführer. Damit entnahm der Braumeister regel- mäßig Bierproben direkt aus dem Lagertank, um den Reifegrad und den Geschmack zu prüfen. Erst wenn die Probe den Qualitätsansprüchen genügte, wurde das Bier – je nach Sorte – filtriert und abgefüllt. Zwickl- Bier ist in vielen Brauereien zu einer eigenen Biersorte geworden. So auch hier: In und um Eschwege ist es als „Jacobinus Naturtrüb“ zu haben. Früher war Michael Hoberock hier Logistikleiter. Die Brauerei kennt er aus dem Effeff. Darum musste er nicht lange überlegen, als er vor ein paar Jahren gefragt wurde, ob er Lust hätte, Besucherinnen und Besuchern den Prozess der Braukunst auf seinen Führungen näherzubringen. Für heute haben sich zwei größere Gruppen und einige Tagestouristen für die „Eschweger Klostertour“ angemeldet.
1839 gründete Metzgermeister und Gast- wirt George Christoph Andreas die Brauerei. 1875 zog sie auf das Gelände des historischen Augustinerklosters.
Von Raum zu Raum durch den Brauprozess
Auch wenn wir während der Führungen keinen Mitarbeitenden begegnen, befinden wir uns mitten im Geschehen: Hier wird täglich gebraut. Nachmittags ist das Tagewerk getan. Alles ist blitzblank und still. Eine leichte malzige Würze durchzieht die große Halle, in der wir starten. Michael Hoberock nimmt uns mit hinter die Kulissen. Viel glänzen- der Edelstahl. Riesige Behälter und Tanks. Manche sehen aus wie ein Riesen-Ufo. Andere im unteren Geschoss wie ein überdimensionierter Trichter. Gekachelte Böden und Wände. Bunte Schläuche, die sich über die Böden winden. Je weiter wir uns treppauf, treppab von den Hallen zu den Gewölben bewegen, desto mehr ändern. sich die Raumtemperaturen, Aromen und das Licht. Eben standen wir noch im Tageslicht, plötzlich leuchtet es magisch blau und zwischendurch ist es kurz stockdunkel.
4 Mehr Zutaten braucht es nach dem deutschen Reinheitsgebot nicht, um Bier zu brauen: Wasser, Malz, Hopfen plus Hefe.
Wie der Geschmack ins Bier kommt
Von der Schrotmühle und dem Sudhaus über Gär- und Lagerkeller bis zum Hefe- und Gewölbekeller: Nach und nach erfahren wir, was alles dazugehört, damit aus den vier Grundbestandteilen die unterschiedlichsten Biere werden. Wie ein Bier schmeckt, entscheidet sich lange vor dem ersten Schluck: bei Malz, Hopfen, Hefe und Wasser. Ein großer Teil der Braugerste kommt von heimischen Landwirten. Die ist nicht nur als Hessens beste Braugerste prämiert. Die regionale Verbindung mit anderen Produzenten und dem Handel ist einfach Teil der Unternehmenskultur. Könnte Hopfen in Nordhessen gedeihen, käme der sicher auch von hier.
Die Braugerste wird in der Mälzerei zu Malz. Helles Malz bringt brotige Noten, geröstetes Malz Aromen von Kaffee und Kakao. Hopfen sorgt für Bitterkeit sowie für würzige, florale oder fruchtige Töne. Die Hefe vergärt Zucker zu Alkohol und Kohlensäure und prägt das Bier: Untergärige Hefen arbeiten meist kühl und klar, obergärige erzeugen oft fruchtige oder würzige Aromen. So betont ein Pils den Hopfen, während ein Helles malziger und milder wirkt. Im Weizen sorgen spezielle Hefen für die typischen Noten; beim Schwarzbier kommen Farbe und Röstgeschmack vom dunklen Malz. Auch Maischtemperatur, Gärung und Reifezeit formen Körper und Charakter. Ihr Zusammenspiel macht aus den Zutaten ein Bier mit eigener Handschrift – und die verschiede- nen Sorten dürfen wir zum Schluss testen.
Im Gastraum der ehemaligen Klosterkapelle sind die langen Tische schon für uns gedeckt: Zu Ahler Wurscht, Schmalz und kräftigem Brot schenken Michael Hoberocks Kollegen Jacobinus Klosterbiere und Eschweger Klosterbräu aus. Es wird probiert, verglichen, gelacht, sich zugeprostet – so werden es auch die Mönche schon gemacht haben.
Alles wichtige für deinen Ausflug
Diese Eigenschaften bietet dir diese Route:
Eschweger Klostertour mit Imbiss
Treffpunkt: An der Klosterkapelle Die Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung möglich, auch für Gruppen bis zu 50 Personen, Mindestalter 18 Jahre. Die Tour ist nicht barrierefrei, festes Schuhwerk und warme Kleidung wird empfohlen, in den Lager- und Gewölbekellern ist es kühl.
Zudem besteht die Möglichkeit eine kleine Tour ohne Imbiss zu buchen. Anmeldung über die Tourist- Information. Telefon: 05651 807-111
Eintrittspreise
Eschweger Klostertour mit Imbiss: 18,00 Euro pro Person inkl. Imbiss und Getränken Die kleine Tour ohne Imbiss: 12,50 Euro pro Person inkl. Klostertour-Probierkrug
Zeiten
Eschweger Klostertour mit Imbiss
März–Juni, September–Dezember: Donnerstag, Freitag: 15.30–18.30 Uhr Mittwoch: 18–21 Uhr
Die kleine Tour ohne Imbiss
Jeden 1. und 3. Mittwoch von 16 bis ca. 17.30 Uhr
Anreise
Mit der RB83 oder RB87 bis Eschwege Stadtbahnhof. Von dort mit dem 2 Richtung Marktplatz bis Goldbachstraße. Von der Haltestelle geradeaus die Humboldtstraße überqueren, dann rechts in die Klosterstraße (3 Minuten zu Fuß).