In Wolfhagen lässt es sich gut lesen: Einer der schönsten Leseorte der Fachwerkstadt ist der Stadtpark Teichwiesen. Ob am Wasser, unter Bäumen oder auf einer der Liegewiesen, hier findet jeder ein ruhiges Plätzchen.
Alle sind sich einig: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky über Luise, ihre vom Okapi träumende Großmutter Selma, den Optiker, Martin und das magische Leben in deren Westerwald-Dorf ist das tollste Buch überhaupt. Jedenfalls steht es ganz weit oben auf der Liste der 10 Bücher für die einsame Insel. „Aber das kann man nicht verfilmen.“ – „Doch! Ist halt was anderes ...“
Und schon sind wir mittendrin im schönsten Abwägen, Argumentieren, Es-auch-mal-so-stehen-Lassen unter Büchermenschen. Mitten in Wolfhagen. Mitten in Hessens bester Dorfbuchhandlung 2024, der Buchhandlung Mander. Wir, das sind meine Nichte Lotta und ich, die sich hier mit Inhaberin Elke Müldner und ihrer Mitarbeiterin Andrea Appel ins Gespräch über Bücher vertiefen.
Es ist einer unserer Nichte-Tante-Tage, der uns dieses Mal in die älteste Stadt Nordhessens führt. Vom Bahnhof aus flanieren wir mal links, mal rechts durch die verkehrsberuhigten Fachwerkgassen und landen so vor dem Schaufenster, dessen Buchauslage unseren Kennerinnenblicken gleich signalisiert: Da müssen wir rein! Denn ganz egal wo, an einem gut sortierten Buchladen kann keine von uns vorbeigehen.
„Ich geb’ eins aus!“, sage ich noch schnell, bevor wir durch die Tür treten und jede erst mal ganz für sich allein ins Mander’sche Universum eintaucht.
Eine Reise in einer Reise in einer Reise
Auch wenn man sich in einer Stadt nicht so recht auskennt: Für Leselustige wie uns sind Buchläden wie kleine heimische Inseln, die einen sofort ein Stück mit dem noch unbekannten Ort verbinden. Die mehr oder weniger vertraute Auswahl an Autorinnen und Autoren, die Atmosphäre, der Umgang mit den Kundinnen und Kunden spiegelt ja immer auch ein Stück Identität der Stadt selbst wider. Und so ist es auch hier. Lotta und ich fühlen uns nach der fröhlichen Begrüßung der beiden Frauen sofort wohl. Hunderte von Leben, Orten, Verrücktheiten, Zeiten, Erkenntnissen, Abenteuern jeweils nur einen Buchdeckel weit voneinander entfernt – sortiert nach Genres in den Regalen oder einladend auf den Tischen ausgebreitet. Jedes Cover, na gut, vielleicht nicht jedes, eine Verheißung: Öffne mich! Komm rein! Um es gleich vorwegzunehmen: Die Versuchung hier ist groß. Im Stillen erlaube ich mir maximal drei Titel. Aber nur, damit ich den Rest des Tages nicht zu viel mit mir herumschleppen muss.
Sich gegenseitig zu inspirieren, gehört bei Mander zum Programm. So komme ich zu meinem ersten Fang, als eine Stammkundin ihre Bestellung abholt. Das CamembertDiagramm von Nadia Pantel. Die Kundin habe das Buch so nachdrücklich empfohlen, dass Elke Müldner es gleich drei Mal bestellt hat, erzählt sie mir. Eins davon habe ich jetzt. Ich liebte die Kolumne der Autorin, die sie als Frankreichkorrespondentin der Süddeutschen Zeitung hatte. Am liebsten würde ich sofort loslesen.
Raum für sich und für Beratung
Lotta steht mittlerweile vor dem Regal mit den Leseempfehlungen, die Fächer sind mit den vier Namen des Buchhandlungsteams markiert. „Jeder hat ja ganz eigene Lesegewohnheiten, das ist bei uns vieren natürlich auch so“, erklärt Inhaberin Müldner. „Im Laufe der Jahre entwickeln sich dann ganz persönliche Passungen: Wir kennen nicht nur den Geschmack unserer Kundinnen und Kunden, umgekehrt orientieren viele sich auch gezielt an unserem jeweiligen Geschmack.“ Zu jedem Titel, der Lotta anspricht, kann Elke Müldner etwas sagen. Sie weiß, wovon sie spricht, ihre Leidenschaft steckt an. Schließlich entscheidet sich Lotta für Mein Name ist Estela, einen Roman aus Chile über eine junge Haushälterin. „Keine leichte Kost, aber sehr dicht erzählt und intensiv.“
Wir könnten noch ewig weiterstöbern, aber allmählich meldet sich der Hunger und so ziehen wir mit unseren Schätzen ein paar Straßen weiter zu Fuchsens Café.
Was einen gut sortierten Buchladen ausmacht, ist natürlich total subjektiv. Für mich sind es oft die Menschen, die dort arbeiten. Wenn man merkt, sie machen nicht nur einen Job, sondern sind mit vollem Herzen dabei. Wie Andrea Appel und Elke Müldner. Lotta nickt. „Was ich auch toll finde: Mander ist relativ klein und überschaubar, nicht so überfordernd“, erklärt sie bei einem Teller Suppe. „Aber von allem ist etwas da. Nicht nur irgendwas, man merkt schnell, alles ist mit Bedacht kuratiert. Allein diese besonderen Kinderbücher!“ Die sind mir auch gleich aufgefallen. Auch wenn wir beide längst aus diesem Lesealter raus sind, für Bilderbücher ist man nie zu alt.
Das ist ja das Faszinierende an Literatur. Sie lässt uns unendlich weit reisen, in andere Welten eintauchen, während wir einfach da bleiben, wo wir gerade sind. „Wo liest du eigentlich am liebsten?“, frage ich. „Im Bett. Und draußen in der Sonne.“ Das Wetter meint es heute gut mit uns. Lotta grinst mir zu. „Hattest du nicht gesagt, du hast eine Picknickdecke eingepackt?“ Ich grinse zurück. Wir lassen Fachwerk Fachwerk sein und spazieren hinunter zum Stadtpark Teichwiese, wo wir schnell ein ruhiges Plätzchen finden. Ach ja: Wolfhagen ist natürlich nicht nur wegen seiner Literaturinsel eine Reise wert. Aber ich bin dann jetzt erst mal in Frankreich. Au revoir!
Alles wichtige für deinen Ausflug
Diese Eigenschaften bietet dir diese Route:
Leseort in Wolfhagen
Stadtpark Teichwiesen Der größte Park der Stadt mit 4,4 Hektar bietet weitläufige Grünflächen mit zahlreichen Sitzgelegenheiten, die zum Entspannen und Lesen einladen – auch am Wasser. Außer wenn Anfang Juni gerade das berühmte Kulturzelt aufgebaut ist. Dann verwandelt sich der Stadtpark in eine Bühne für Comedy, Musik und Kultur (2. bis 13. Juni 2026). Von der Buchhandlung Mander 10 Minuten zu Fuß über kleine Teichstraße und Ritterstraße.
Buchhandlung Mander
Adresse
Schützeberger Straße 29
34466 Wolfhagen