Die Gasflamme springt an, es zischt und duftet nach Zwiebeln und Gemüse, eine ordentliche Handvoll Mohn darüber, Salz und Pfeffer. Ruck, zuck kommen in der Pfanne geschwenkte Mohnspätzle auf den Tisch, zum Dessert eine Mohn-Mousse, außerdem gibt es Mandel-Ecken und Mohn-Cookies zu testen. So köstlich, und ganz anders als das trockene Gebäck, das ich bisher mit Mohn verbunden habe.
Wir stehen in der Küche des Meißnerhofs in Germerode. Mitte Juni hat Björn Sippel, Koch und Mohnbauer, viel zu tun. Es sind wenige Tage bis zum Start der Mohnblüte in den zwei nordhessischen Mohndörfern. Dann herrscht in der Region der Ausnahmezustand: Rund 20.000 Menschen kommen jedes Jahr innerhalb von drei Wochen. Einzelreisende, Familien, Busgruppen aus ganz Deutschland und aller Welt. Und natürlich möchten die Gäste den berühmten Mohn essen und regionale Mohnspezialitäten mit nach Hause nehmen.
Auch im Teichhof, dem gastronomischen Zentrum des zweiten Mohndorfs, geht es während der Blütezeit rund. Ich bin zur Hochsaison noch einmal in die Mohnregion gefahren. Ende Juni, gegen 7.30 Uhr bin ich am Start. In Grandenborn leuchtet der Mohn jetzt großflächig. Der Ort liegt etwa 100 Meter höher im Meißner-Gebiet, der Mohn blüht später. Perfekt für alle, die die Blüte in Germerode verpasst haben oder sich einfach nicht sattsehen können. Oder essen: Auch hier entdecke ich auf der Karte viele Gerichte mit Mohn wie Hähnchenbrust in Mohn-SesamKruste und Germknödel mit Mohn.
Auf dem Tresen stehen Mohn-Öl,-Pesto, -Nudeln, -Eierlikör, HonigMohn-Senf, Back-Mohn und Mohnkuchen für die Gäste bereit. Wie viel Kuchen an einem Wochenende in der Saison gegessen wird? Sippel schätzt rund 3.000 Stück. Selbst gebacken? Dafür ist keine Zeit! Das Restaurant läuft weiter – mit Spezial-Speisekarte – und mitten in den Feldern gibt es die Außenstation Mohntenne in einer hübsch hergerichteten, rustikalen Scheune. Kuchen liefern mehrere regionale Bäckereien.
Vom Experiment zu einem touristischen Highlight
Die Idee des Mohnanbaus hatte Marco Lenarduzzi, Geschäftsführer des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land. Doch er brauchte einen Landwirt. Björn Sippel war zu dem Experiment bereit und startete 2010 mit dem Anbau von Schlafmohn auf ca. 1,5 Hektar Land (etwa zwei Fußballfelder). Inzwischen sind es 35 Hektar in Germerode, weitere vier bis acht Hektar baut ein Kollege in Grandenborn an. Der Mohn hat die Region landwirtschaftlich, gastronomisch, aber auch touristisch gestärkt.
In beiden Dörfern gibt es zur Blüte rund vier Kilometer lange, ausgeschilderte Wanderwege mit Fotostationen, etwa eine offene Holztür in die blühende Pracht, Ruhebänke und ein Bett im Mohnfeld. Kaum zu glauben, dass aus den winzigen, gräulichschwarzen ölhaltigen Samen, nur etwa ein Millimeter groß, hüfthohe grazile Pflanzen wachsen: ein pink- violettes Meer aus hauchzarten Blüten und Tausenden grünen Knospen, die auf ihren großen Moment warten. Von festen Wegen biege ich auf strohgestreute Pfade ab, die sich direkt in die Mohnfelder hineinwinden, vorbei an Getreidefeldern und bunten Blumenwiesen. Bergauf und bergab laufe ich, lese Infotafeln über Geschichte, Anbau und Verwendung von Mohn, aber auch von Sommergerste, Hafer, Raps. Trotz Hitze wird es jetzt rasch voller. In den Mohnfeldern geht nur Gänsemarsch. Die Wirtschaftswege rundum teilen sich Spaziergänger*innen mit Planwagen, die von Schleppern gezogen werden.
Dem Trubel folgen viele Stunden allein auf dem Schlepper
Nach der Mohnblüte sitzt Sippel rund 80–100 Stunden auf dem Mähdrescher. Erst zur Getreideernte, ab Mitte August für den Mohn. Der Mohn wird gedroschen, gereinigt und möglichst rasch verarbeitet. Das Mohn-Öl presst Sippel in der eigenen Mühle. Der Back-Mohn geht an regionale Bäckereien, als ganze Körner, gequetscht oder als Mohnpaste für Strudel. Ertrag, Qualität, Wuchshöhe und Blütenpracht sind wetterabhängig. „Wenn ab März alles gut läuft, ernte ich 15–20 Tonnen Mohn.“
Zwar ist die Blüte des Mohns kurz, die Produkte können Mohn-Fans aber ganzjährig genießen. Sie sind bei den Gasthöfen und Kooperationspartnern, auf Wochenmärkten und online erhältlich. Wer eine Weile verzichten möchte, um die Vorfreude auf die nächste Mohn-Saison zu steigern, kann Fleisch, Käse oder Spirituosen aus der Region probieren. Nordhessen hat ja nicht nur Mohn zu bieten. Aber nichts blüht schöner und schmeckt besser als Mohn! Da lege ich mich fest.
Schlafmohn und Opium
Schlafmohn (Papaver somniferum) gehört zu den ältesten Kulturpflanzen Europas. Er ist in Südeuropa ab 6000 v. Chr. belegt. Da Schlafmohn unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, gibt es strenge Anbau-Regeln. Erlaubt sind nur Sorten, deren Morphin-Gehalt unter 0,02 Prozent liegt. Björn Sippel sät die Sommersorten „Mieszko“ (pinke Blüten) und „Viola“ (hell-violett) und die Wintersorte „Zeno Morphex“ (violett). Er hat eine Genehmigung der Bundesopiumstelle und musste ein polizeiliches Führungszeugnis liefern. Der Mohn im Meißner-Gebiet wird für die Lebensmittelproduktion angebaut und bleibt größtenteils in Nordhessen. Saatgut können Gäste nicht erwerben, auch kleinste Mengen nicht.
Alles wichtige für deinen Ausflug
Diese Eigenschaften bietet dir diese Route:
Öffnungszeiten
Die Mohnfelder sind zur Blütezeit in beiden Mohndörfern rund um die Uhr geöffnet und können jederzeit ohne Führung besucht werden.
Mohn vor Ort genießen
Germerode
- Landhotel Meißnerhof: Restaurant mit kleinem Sommergarten direkt im Ort.
- Mohntenne: urige Feldscheune mitten in den Mohnfeldern (ausgeschildert). Dort gibt es Kaffee und kalte Getränke, außerdem Mohnkuchen, süße Mohnschnecken, Mohnbratwürste und vieles mehr.
Grandenborn
- Der Teichhof: Restaurant und Plätze im Freien, direkt am Beginn des Mohnwanderpfades.
- Just White, das Highlight für Frühaufsteher oder Nachteulen: Frühstück oder Abendpicknick zum Sonnenauf- oder -untergang. Vier Termine à 26 Plätze an einer weißen Tafel in den Mohnfeldern. Nur mit Anmeldung. Ehrenamtlich organisiert vom Förderverein Grandenborn. Reservierung über Miriam Rabe und Dominik Schwemmlein per E-Mail an mohnblueteringgau@gmail.com