In die Natur und einen meditativen Modus eintauchen – das geht bei einer Paddeltour auf der Werra. Bei der Talfahrt begleiten uns Eisvogel und Fachwerk.
Die Bugwelle plätschert leise, unterm Boot wogt meterlanges Pflanzengrün in der Strömung. Unsere Paddel stechen ins klare Wasser. Die gleichförmige Bewegung und das Dahingleiten auf dem Fluss schalten das Denken ab. Bis wir so im Flow sind, brauchen wir einige Kilometer, um das Kanu auf Kurs zu bringen. Am Anfang kreiseln wir übers Wasser und steuern mit Bremsmanövern dagegen. Elegant geht anders. Nach einigen Ausflügen in die Schilfböschung erinnern wir uns an die Tipps unseres Bootsverleihers Manfred Weick von Kanurado: Wer hinten sitzt, drückt das Paddel am Ende des Schlags nach außen. So läuft das Kanu geradeaus. Vorne lässt sich der Kurs korrigieren, indem das Paddel starr voraus in der gewünschten Richtung eingetaucht wird.
Unsere Tour beginnt im thüringischen Treffurt
Von der Bushaltestelle sind es nur wenige Schritte bis zum Startpunkt. Der Weg führt über die Brücke und beim Blick ins klare Wasser wächst die Freude auf unser Abenteuer. Das beginnt damit, dass Manfred auf der Karte zeigt, was uns auf der Strecke erwartet. Im Boot kniend macht er uns vor, wie der Kanadier traditionell gefahren wird – wir sitzen später dennoch lieber auf den Holzbänken. Die Instruktionen zum Steuern und zum möglichst trockenen Ein- und Aussteigen hält Manfred kurz: „Auf dem Wasser habt ihr sowieso alles vergessen.“ Was zumindest auf den ersten Metern stimmt.
Bevor es auf den Fluss geht, ziehen wir Schwimmwesten an und verstauen unsere Sachen im Packsack. Kaum haben wir uns vom sandigen Ufer abgestoßen, nimmt uns die flinke Strömung mit. Die beruhigt sich bald – auf der Werra geht es gemütlich zu. Etwas flotter wird die Fahrt nur bei den wenigen Stromschnellen. Also haben wir genug Muße, um die Landschaft zu genießen. Die Höhenzüge sind mal weit entfernt, mal rücken sie wie am Fuß des Heldrasteins bis ans Ufer. Dort hat die Werra den Buntsandstein angenagt, der rötliche Fels fällt steil zum Fluss ab. In der nächsten Kurve fahren wir auf die grüne Wand des dichten Laubwalds zu – das Panorama ändert sich mit jeder Flussbiegung.
Der eiserne Vorhang ist längst verschwunden
Dass wir mehrmals die ehemalige deutsch-deutsche Grenze überqueren, ist nicht zu bemerken. Die Absperrgitter im Fluss sind längst verschwunden. Dass die Salzfracht aus dem Kalibergbau die Tier- und Pflanzenwelt verändert, ist für Laien ebenfalls kaum erkennbar. Denn über und unter Wasser tummeln sich von anderen Flüssen bekannte Arten. Über den steinigen Grund huschen kleine Fische. Metallisch glänzende Prachtlibellen und Azurjungfern flattern durchs Schilf, Heide- und Königslibellen flitzen kreuz und quer über den Fluss. Wir sehen Knäkenten, Graureiher und ein Schwanenpaar in jedem Dorf, durch das wir kommen.
Flussfahrt mit Nilgans und Eisvogel
Die Vögel sorgen auch für die akustische Begleitung. Nilgänse, die mit leuchtend rosa Füßen auf einem umgestürzten Baum hocken, flüchten laut krächzend. Viel schöner klingt der schrille Ruf des türkis blitzenden Eisvogels und das „hididi“ der Flussuferläufer. Kurz vor uns fliegen die Vögel auf und landen bald wieder am Ufer. Nach ein paar Hundert Metern beginnt das Spiel von vorne. Ein Kuckuck huscht über den Fluss ins Weidengebüsch.
Als wir den Ästen ausweichen, kentern wir beinahe. Manfreds Tipp haben wir natürlich vergessen: Bei einem Hindernis nicht davon weg lehnen, sondern in dessen Richtung, „sonst gibt es einen nassen Ausstieg“. Der wäre nicht schlimm gewesen, das Wasser ist seicht und warm. Und unsere trockenen Klamotten sind sicher verstaut.
Inzwischen droht das Wasser von oben zu kommen. Als wir über den langen See gleiten, zu dem sich die Werra vor Wanfried weitet, grummelt in der Ferne ein Gewitter. Mit Blick auf das Wetterleuchten und die dunkle Wolkenfront entscheiden wir uns, unsere Tour nicht wie geplant nach 20 Kilometern in Eschwege, sondern schon in Wanfried zu beenden. Am Wehr des Fachwerkstädtchens müssen wir ohnehin aussteigen. Bevor der Regen einsetzt, haben wir noch Zeit für Kaffee und Kuchen am Hafen. Von dort bis zur Weser war die Werra zur Hansezeit schiffbar. Daran erinnert der Nachbau einer historischen Schute, die gerade auf dem Trockenen liegt. Nach der Restaurierung soll der Kahn wieder an der Hafenkante vertäut werden.
Mit dem Bus können wir flexibel planen
Wir können unsere Bootstour einfach umplanen, weil die Anleger zum Ein- und Aussetzen nur wenige Hundert Meter vom nächsten Bushalt entfernt sind. Kanurado setzt deshalb auf öffentliche Verkehrsmittel. Das erspart dem malerischen Tal viel Autoverkehr und wir kommen entspannt zurück. Irgendwann werden wir für weitere Etappen und Entdeckungen zurückkehren – schließlich sind noch viele Kilometer zu paddeln, bis sich Werra und Fulda vereinen.
Alles wichtige für deinen Ausflug
Diese Eigenschaften bietet dir diese Route:
Familienfreundlicher Fluss
Die Werra ist etwa ab dem thüringischen Bad Salzungen einfach zu paddeln. Der gesamte hessische Verlauf ist für Anfänger geeignet. Kanus werden nur an wenigen Stromschnellen etwas flotter. In den meisten Orten gibt es Rastplätze mit Toiletten und guter Ausschilderung. Höher gelegene Plätze sind über Pontons erreichbar, die in der Sonne sehr heiß werden. Unser Tipp ist deshalb, mit Sandalen zu paddeln.
Werratal-Kanu
Adresse
Hörnestraße/Fährgasse
37242 Bad Sooden-Allendorf